Ddie ersten Worte des neue Kollegen zum monatelang vorbereiteten Projekt: "An der Dokumentation müssen wir noch was machen, ich finde, dass die Beschreibungen nirgends ausführlich sind."
Zwei Jahre an die Wand geredet? Schlecht formuliert? Material versteckt?
Welche Differenzen stecken hinter solchen Unterschieden:
* hat die Unterlagen nicht gefunden.
* hat sie nicht gelesen.
* hält sie für nicht relevant.
* sie sind schlecht geschrieben.
* Jemand hätte ihm sagen müssen, dass in den zwei Jahren auch gearbeitet wurde.
* Jemand hätte ihm sagen müssen, dass es sein Job ist, das vorhandene Material auf den Punkt zu bringen, statt es neu zu schreiben.
* hat gedacht, ich bin mit dem bisherigen nicht zufrieden und wollte etwas Besseres.
* hat gedacht, das wäre mal ein guter Anfang.
Das sind Vermutungen, die dazu beitragen, unterschiedliche Bilder einer Person zu konstruieren:
* Naiv (sie macht einfach mal)
* Kritisch bis besserwisserisch (wo beginnt der kontinuierliche * Verbesserungsprozess, wo endet er; wo bezieht er uns mit ein?)
* Faul (lieber das gleiche noch mal machen als etwas neues suchen)
* Dumm (wir verstehen nur - glauben wir - was wir selbst ausgedacht haben
* Umwerfend intelligent und erfahren (sie macht jetzt richtig, was die ganze Zeit nicht funktioniert hat)
Wie kommen wir dazu, aus de gleichen Sachverhalt so unterschiedliche Konsequenzen konstruieren zu können?
Und wie wichtig sind diese?
Das ist der Punkt, auf den ich schon oft zu kommen versuche:
Diese Zuschreibungen sind extrem wichtig, auch wenn wir rational genug sind, sie zu verwerfen; in Notsituationen, wenn wir schnell auf eine Meinung zurückgreifen müssen, wenn uns jemand fragt, webnn wir wo mitreden wollen - dann greifen wir auf genau diese Urteile zurück.
Und sie sagen immer mehr über uns als über denjenigen, dem wir sie unterstellen. Unsere Vorlieben, Ängste, und auch unsere Denkweise spiegeln sich in solchen Instanturteilen wider; wie sehen wir die Welt, welchen Einfluss gestehen wir uns zu, welchen anderen, wie funktioniert für uns die Entstehung von Sinn?
Dazu müssten jetzt einige Jahrhunderte westliche Philosophiegeschichte bemüht werden; oder es wird die Perspektive gewechselt: Es geht immer nur um den Streit zwischen Idealismus und Materialismus, sagen Philosophen aus anderen Kulturen.
Ich teile diese Ansicht nicht zur Gänze, wobei auch die Meinung, dass alles andere Haarspalterei ist, zulässig ist.
Mein Punkt ist:
* Wir sind schnell mit unseren Urteilen
* Wir fällen sie anhand von kleinen Bausteinen, die wir zu Mustern bilden
* Wir übergehen diesen Prozess und nehmen unser Urteil für bare Münze
* Oder wir zweifeln und zögern, solche Vorurteile zuzulassen, und lähmen uns damit - dann geht gar nichts mehr
Der Weg, den ich zu beschreiben versuche, ist ein konstruktiver Umgang mit Vorurteilen:
* Nutze sie als einen gemeinsamen Rahmen, den jeder versteht
* Sei ihrer bedeutungsstiftenden Wirkung bewusst - wie verbreiten sie sich, was schliessen sie in weiterer Folge ein uns aus?
* Erkenne die grundlegende Distanz zwischen den Urteilen und ihren Objekten
* Sei dir klar, dass auch du Objekt ist - diese Perspektive ist nicht nur für das Verständnis wichtig, sondern auch für die moralische Dimension.
Schafft das eine Basis für zwanglose, verständigungsorientierte Kommunikation?
