• Klischeeclash

    Ein Mitarbeiter des Gruenen Kreuz beschaeftigt sich waehrend einer langen UBahnfahrt mit einem PSP-Kampfspiel.
    Er steckt win paar Mal ein, dann hat er seinen Gegne so weit und schickt ihn mit eine Hakenserie in die Nieren ins Gameover-Nirvana.
    Mitarbeiter des Gruenen Kreuz sind sozial engagierte friedliebende Menschen.
    Kampfspiele sind fuer verrohte Brutalos.

    Beide Annahmen haben reale, wirtschaftliche, soziale Relevanz. Auf der Basis der einen werden Gesetze erlassen, immense Kosten auf die Spieleindustrie abgewaelzt und Erziehungsmassnahmen entworfen, auf die andere - soziales Engagement - entscheidet ueber Reputation, Vertrauen, oder auch die Umstaende einer Haftstrafe ( Bewaehrung, weil er ja sonst ein guter Mensch ist...)

    Welchen Wert haben solche Annahmen, wenn sie
    * eindeutig falsch sind
    * massive Auswirkungen haben
    * eine ganze (Medien)Branche am Leben erhalten
    * schnell entstehen und sich hartnaeckig halten?

    Die Zwischenraeume zwischen (einzelnem) Klischee und Menschen (als Summe von Klischees) sind Definitionsspielraum.
    Auf der einen Seite stehen Begriffe, Worte und Geschichte, auf der anderen Seite stehen - das ist eben schwer zu sagen: Wir? Menschen? Leben?

    Haben wir unsere groebsten Fehlinterpretationen wirklich am liebsten?

    Und wie schaffen wir es, Dinge die nichts miteinander zu tun haben auch getrennt voneinander zu lassen? - Die Wahrnehmung von Verschiedenem ohne gleich Beziehungen herzustellen oder Unterschiede festzustellen, faellt uns nicht leicht.
    Klassifizieren, analysieren, Ziele formulieren und anzustreben haben wir gelernt. Unterschiede aushalten dagegen steht im Verdacht, unproduktiv zu sein...

  • Müssen wir wirklich alles immer wieder von vorne beginnen?

    Ddie ersten Worte des neue Kollegen zum monatelang vorbereiteten Projekt: "An der Dokumentation müssen wir noch was machen, ich finde, dass die Beschreibungen nirgends ausführlich sind."
    Zwei Jahre an die Wand geredet? Schlecht formuliert? Material versteckt?

    Welche Differenzen stecken hinter solchen Unterschieden:
    * hat die Unterlagen nicht gefunden.
    * hat sie nicht gelesen.
    * hält sie für nicht relevant.
    * sie sind schlecht geschrieben.
    * Jemand hätte ihm sagen müssen, dass in den zwei Jahren auch gearbeitet wurde.
    * Jemand hätte ihm sagen müssen, dass es sein Job ist, das vorhandene Material auf den Punkt zu bringen, statt es neu zu schreiben.
    * hat gedacht, ich bin mit dem bisherigen nicht zufrieden und wollte etwas Besseres.
    * hat gedacht, das wäre mal ein guter Anfang.

    Das sind Vermutungen, die dazu beitragen, unterschiedliche Bilder einer Person zu konstruieren:
    * Naiv (sie macht einfach mal)
    * Kritisch bis besserwisserisch (wo beginnt der kontinuierliche * Verbesserungsprozess, wo endet er; wo bezieht er uns mit ein?)
    * Faul (lieber das gleiche noch mal machen als etwas neues suchen)
    * Dumm (wir verstehen nur - glauben wir - was wir selbst ausgedacht haben
    * Umwerfend intelligent und erfahren (sie macht jetzt richtig, was die ganze Zeit nicht funktioniert hat)

    Wie kommen wir dazu, aus de gleichen Sachverhalt so unterschiedliche Konsequenzen konstruieren zu können?
    Und wie wichtig sind diese?

    Das ist der Punkt, auf den ich schon oft zu kommen versuche:
    Diese Zuschreibungen sind extrem wichtig, auch wenn wir rational genug sind, sie zu verwerfen; in Notsituationen, wenn wir schnell auf eine Meinung zurückgreifen müssen, wenn uns jemand fragt, webnn wir wo mitreden wollen - dann greifen wir auf genau diese Urteile zurück.
    Und sie sagen immer mehr über uns als über denjenigen, dem wir sie unterstellen. Unsere Vorlieben, Ängste, und auch unsere Denkweise spiegeln sich in solchen Instanturteilen wider; wie sehen wir die Welt, welchen Einfluss gestehen wir uns zu, welchen anderen, wie funktioniert für uns die Entstehung von Sinn?
    Dazu müssten jetzt einige Jahrhunderte westliche Philosophiegeschichte bemüht werden; oder es wird die Perspektive gewechselt: Es geht immer nur um den Streit zwischen Idealismus und Materialismus, sagen Philosophen aus anderen Kulturen.
    Ich teile diese Ansicht nicht zur Gänze, wobei auch die Meinung, dass alles andere Haarspalterei ist, zulässig ist.

    Mein Punkt ist:
    * Wir sind schnell mit unseren Urteilen
    * Wir fällen sie anhand von kleinen Bausteinen, die wir zu Mustern bilden
    * Wir übergehen diesen Prozess und nehmen unser Urteil für bare Münze
    * Oder wir zweifeln und zögern, solche Vorurteile zuzulassen, und lähmen uns damit - dann geht gar nichts mehr

    Der Weg, den ich zu beschreiben versuche, ist ein konstruktiver Umgang mit Vorurteilen:
    * Nutze sie als einen gemeinsamen Rahmen, den jeder versteht
    * Sei ihrer bedeutungsstiftenden Wirkung bewusst - wie verbreiten sie sich, was schliessen sie in weiterer Folge ein uns aus?
    * Erkenne die grundlegende Distanz zwischen den Urteilen und ihren Objekten
    * Sei dir klar, dass auch du Objekt ist - diese Perspektive ist nicht nur für das Verständnis wichtig, sondern auch für die moralische Dimension.

    Schafft das eine Basis für zwanglose, verständigungsorientierte Kommunikation?

  • Woelfe, Voraussetzungen, Existenz, Essenz, Oberflaechen

    Der Vorwurf, wieder die Natur zu handeln, habe ihm schwer zu denken gegeben, schreibt Mark Rowlands in "The Philosopher and the Wolf" ueber sein Leben mit einem Wolf als Haustier.
    Seine Loesung, ganz als Philosoph: Es muessen immer die Voraussetzungen und stillschweigenden Annahmen hinterfragt werden.
    Hinter dem Versuch, Tieren eine Natur zuzuschreiben, der sie sich nicht widersetzen koennen, ortet Rowlands menschliche Arroganz, die, ganz nach Sartre, nur dem Menschen die Moeglichkeit einraeumt, seine Essenz durch seine Existenz zu bestimmen. Wir suchen uns aus, wie wir sind, und sind dann so. Alles andere, vom Aschenbecher bis eben zum Wolf, ist in seiner Existanz durch seine Essenz bestimmt. Es ist, wie es immer war oder wozu es erfunden wurde, es kann sich nicht aendern und nichts entscheiden.
    So weit so gut. Als belegendes Beispiel fuehrt Rowlands einen Fuchs an, der bettelnd Hotels rund um einen englischen Flughafen absuchte - wie sollte man dem Fuchs erklaeren, dass er lieber Maeuse jagen sollte?
    Ich glaube nun doch eher, dass die Bettelei weniger auf eine Entscheidung des Fuchses zurueckzufuehren ist, als darauf, dass in seiner Umgebung alle Maeuse vergiftet, Waelder ausgeduennt und Huehner in Legebatterien eingesperrt sind, nehöe aber gerne den Rueckenwind mit wenn es darum geht, das Hinterfragen von Voraussetzungen als Gespraechsmodell zu etablieren.
    worauf will unser Gegenueber hinaus? Oder, ohne Hintergedanken zu unterstellen: warum, vor welchem Hintergrumd und welchen Erfahrungen, argumentiert er so? Welche - soziale, politische, wirtschaftliche - Ordnung wird vorausgesetzt, damit die Rechnung aufgeht. Und: wie muesste die Beziehung zwischen und geschaffen sein, damit die Rechnung aufgeht, damit Dinge so sein koennen, wie wir sie beschreiben?
    Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das: Was setzen wir voraus, wenn wir annehmen, dass der andere uns versteht? Warum nehmen wir an, dass das, was wir sagen, ueberhaupt etwas bedeutet? Mit welchen Mittelen koennen wir den Rahmen, innerhalb dessen Verstaendigung moeglich ist, konstruieren? und sind wir dann noch in irgendeiner Weise bei der Sache?

    Das entfuehrt in schwindelerregende spekulative Tiefen. Ich setze dem das Primat der Oberflaeche entgegen: Konzentrieren wir uns auf das, was wir sehen, was ausdruecklich hier und jetzt anwesend ist.

    Oberflaechlichkeit ist eine angemessene Verhaltensweise.
  • Micropublishing

    Microblogging, Microfinancing - muss alles klein sein und schnell gehen? Weil keine Zeit mehr fuer die "richtigen" Dinge da ist?

    • Groesser ist nicht immer mit erfolgreicher, chancenreicher oder besser gleichzusetzen. Kleiner ist wendiger, schneller, kontrollierbarer - aber vor allem treffgenauer, angemessener: Microfinancingkunden brauchen nicht mehr als 100 $, schnelle Leser brauchen nicht mehr als 140 Zeichen, einen Link und die Gelegenheit, spaeter nachfragen zu koennen.
    • Und manche Inhalte brauchen keine groessere Oeffentlichkeit, sie werden nicht besser, wenn sie durch die Muehlen der allgemeinen Verstaendlichkeit und besseren Verkaufbarkeit gequetscht werden, sie verlieren dadurch ihren Sinn.
    • Das ist eine Gratwanderung zwischen dummer Anmassung, haltlosem Geschwaetz und harter Arbeit. Zwischen etablierten Medienformen und deren Businessregeln und der Missachtung aller guten Erfahrungen. Zwischen fahrlaessiger Wendigkeit, die sich jeder Ansprache entzieht, und hartnaeckiger Praesenz, die mehr spricht, als dem fehlenden Publikum lieb ist.
    • Micropublishing ist ein Business zwischen allen Stuehlen, das seine eigenen Gesetze gerade erst entwickelt.

    Erste Ansaetze:

    • Inhalte brauchen ihre Form. Richtlinien klassischer Medien zwingen zu einem Mindestmass an Stringenz.
    • Papier hat unbestrittene Vorteile, darf aber nur minimal - on demand - eingesetzt werden.
    • Buecher sind einfach schoen.
    • Veroeffentlichen ist mehr, als ein Buch auf den Tisch legen. Wenn es unsere Medienwelt noch nicht gibt, dann muessen wir sie schaffen.
    • Wir fuellen keine Nischen aus, wir dehnen Diskussionen und Maerkte. Beweglichkeit an den Raendern haelt Innovation in Gang.
    • Wir entwickeln mit jedem Produkt das angemessene Geschaeftsmodell und stellen die notwendigen Umwelten her.
    • Diskussionen jenseits der grossen Institutionen brauchen sich nicht von diesen abgrenzen. Auch an den Raendern ist es moeglich, gesunde Ignoranz zu zeigen. Das befreit.
    • Wir machen das nicht zum Spass. Respekt, Zufriedenheit, das Gefuehl, etwas in der Hand zu haben, ist die eine Seite, kommerzieller Erfolg - als Lebensunterhalt und als echte Subversion - die andere.
    • Micropublishing entwickelt Geschaeftsmodelle, die mit Copyright, creative commons und Google Books umgehen koennen.
  • Arbeit an den Eingeweiden...

    Ich erinnere mich, dass der Finanzvorstands eines grossen Unternehmens, den ich einmal interviewt habe, es als einen seinr grossen Wünsche bezeichnet hat, einmal die Entstehung eines Biches mitverfolgen zu koennen, um den kreativen Prozess nachvollziehen zu koennen.
    Wahrscheinlich waere er sehr enttaeuscht - entweder von der Vagheit, in der Ideen, Notizen und Entwürfe herumschwirren, oder von der zaehen, langweiligen, trockenen Arbeit, mit der sie in Form und zu Ende gebracht werden, - Ich gönne mir maximal drei Revisionsdurchgaenge; jedesmal entstehen weitere, neue Perspektiven und Sichtweisen, aber die sollen dann schliesslich mal in etwas Neues einfliessen...

  • Was sind Wertenomaden?

    Mobil, unabhaengig, flexibel, die Verantwortung fuer einen Hamster droht uns zu erschlagen. Ungebunden, reich an Perspektiven, frei - um den ganzen Tag nichts zu tun. Gebildet, tolerant, offen - genug, um zu wissen, wo es lang geht, um Entscheidungen kontrovers zu argumentieren, um zu wissen, dass wir nichts wissen (koennen).

    Die Offenheits-, Flexibilitaets- und Freiheitsparadigmen zeitgenoessischer Gesellschaft(en) laehmen uns. Wer sind wir, wer/was/wie ist der andere?
    Alles ist eine Frage von Werten - in deren Auslegung und Anwendung sind wir nicht nur ebenfalls flexibel, sondern massiv darauf angewiesen, zu wechseln, mit der Zeit zu gehen.
    Nicht wir wechseln unsere Werte - Werte, Zusammenhaenge und Perspektiven aendern sich. Und wir muessen diese Aenderungen nachvollziehen, um zu ueberleben.
    Nomaden sind keine froehlichen Bohemiens, die ungebunden in den Tag leben. Sie (ueber)leben dank der Veraenderung.

    Mehr ueber Wertenomaden

  • Wüste Buchmarketing

    Ich finde es erstaunlich, wie schlecht, unoriginell und unprofessionell offenbar die Vermarktung von Büchern im deutschsprachigen Raum läuft.
    Es gibt einige Selbsvermarkter (Förster und Kreuz), ein paar Selbstläufer (bei Autoren und Verlagen) und ansonsten offenbar viele, die sich auf eingegangene Wege verlassen.
    Wo sind die erfolgreichen Beispiele für Guerilla/Buzz/Ambient/Social/Was auch immer-Marketing aus dem Buchbereich?
    Kann niemand nachmachen, was Seth Godin, Marc Lesser, Louis Rosenfeld, Adaptive Path und andere vormachen?

  • Der Redaktionsprozess braucht einen langen Atem

    Der 80-Prozent-Fertigstellungsgrad eines Buchs kann sich lang hinziehen.
    Und wird so unvermittel zu einem 60-, 40-, 20-Prozent Grad.

    Die positive Seite: Ich konnte den Text ohne befremden und ohne zu grob abzuschweifen beinahe in einem durchlesen. Ich kann ihn sogar rekonstruieren:
    These 1: Was wir wahrnehmen und behaupten ist Spekulation. Am liebsten spekulieren wir ueber Fremdes, also brauchen und schaffen wir immer wieder Distanz.
    These 2: Trotzdem funktioniert immer wieder etwas, trotzdem verstehen wir immer wieder etwas.
    These 3: In unseren Vorstellungen von Verstehen, Verstaendigung und Ueberzeugung spielt Macht eine grosse Rolle.
    These 4: In der Kommunikation zaehlt immer nur die Oberflaeche.
    These 5: Das Wissen um Oberflaeche, Spekulation und Macht laesst sich instrumentalisieren: Wie kommunizieren wir in einer Welt, in der wir nicht verstehen, sondern spekulieren, nicht ueberzeugen, sondern durchsetzen, nicht argumentieren, sondern verkaufen?

    Und was sind die passenden Marketingstories dazu?

  • Zur Orientierung: Zusammenfassung 1

    Die vergangenen Wochen habe ich mit dem Bemühen verbracht, den Zusammenhang in den Arbeiten der letzten drei Jahre herzustellen.

    Die Grundprobleme dabei sind:

    * Ich gehe davon aus, dass Verständigung schwerwiegenden Problemen unterworfen und Hindernissen ausgesetzt ist.
    * Gleichzeitig unterstelle ich, dass es gut möglich ist, andere zu verstehen, dass das sogar über wiederholbare Muster erfolgen kann.
    * Ich lasse aber nicht zu, das als eine Position von Überlegenheit zu verstehen - denn ich bin davon überzeugt, dass es kein anders, kein besser und letztlich auch kein Ich in dem Sinne, wie es für eine solche Behauptung benötigt wird, gibt.
    * Und es ist wohl nicht selbsterklärend, vor welchem Hintergrund ich diese Themen sehe.

    Trotzdem - und das spricht grundsätzlich wirklich gegen jede Überzeugung, möchte ich das weiterverfolgen und in eine zumindest für den Moment nachvollziehbare Form giessen.

    Ein Inhaltsverzeichnis dazu existiert bereits; die Herausforderung ist, den Bogen zu spannen und aufrechtzuerhalten.

    Die Hauptthemen sind folgende:

    * Was ist das Problem? Welche Situationen, Umgebungen, welche Arten von Gesprächen meine ich, wenn ich sage, dass wir einander nicht verstehen können? Was sind die alltäglichen Erscheinungsformen der unüberbrückbaren Differenz? (…Ich habe schon lang nicht mehr an Derrida gedacht; wobei mir die difference/differance erst unlängst im Mission Statement einer Werbeagentur begegnet ist.)
    * Vor welchem Hintergrund rede ich? Welche Ansätze beschreiben die zugrundeliegende Auffassung von Kommunikation, Verständigung, Umwelt, sozialem Leben? Aber auch: Was steckt hinter diesen Ansätzen und wo beginnt die Sprachlosigkeit; warum begegnet uns die Sprachlosigkeit immer wieder?
    * Dritter Teil: Was folgt daraus; mit welchem Schritten überwinden wir zumindest in Teilen die Gräben; zumindest so weit, dass wir etwas durchsetzen und umsetzen können, wenn wir schon nicht behaupten können, etwas oder jemand tatsächlich zu verstehen.
    * Und zuletzt: Warum ist das wichtig; wo begegnet uns diese Fragestellung, welche Wege kann sie uns zeigen, warum ist sie nicht nur der Spleen eines gelangweilten Asozialen, der knapp am Autismus vorbeischrammt?

    Das muss mir mal ins Blut übergehen. Dann kann ich entspannter weitermachen. Und klarer herausarbeiten, warum diese Fragestellung eine zentrale Fragestellung jeglicher Ethik ist, und warum sie gerade im Zusammenhang mit Medien, vor allem auch mit neuen Medien, Social Media, relevant ist.

  • Dissens: Verstehen lernen ueber Social Media?

    Die Hauptaufgabe von Medien ist es, Klischees zu bedienen. Was nicht ins Bild passt, kommt nicht vor. Dieser Grundsatz gilt so universell, dass sogar Abweichungen von diesem Grundsatz auf der Basis seiner Gesetz kalkuliert sind. Ab und zu passt es eben ins Bild, etwas Abweichendes zu erwaehnen. Hauptsache, die Form passt, die Sache hat einen guten Einstieg, packende O-Toene und die Bilder sind gut.
    Schlimmer noch als nicht ins Klischee zu passen ist die Tatsache, keine klare Botschaft zu vermitteln. Geschichten ohne Moral sind nicht vermittelbar, nicht fertig, nicht zu Ende recherchiert.
    Das ist keine Sache zwischen Boulevard- und Qualitaetsmedien, auch kaum zwischen kommerziellen und weniger kommerziellen Medien. Es ist eher ein Grundsatz, der praktisch noch nie durchbrochen worden ist.
    Medien sind immer auf Konsens aufgebaut. Darum kann man sie auch kaufen – sei es als Leser oder als Anzeigenkunde.
    Konsens muss nicht Mehrheit bedeuten; es gibt verschieden grosse oder kleine Bereiche von Konsens. Ohne diese Tatsache gaebe es keine Produkte, keine Abos, keine Treuepraemien und keine Leserclubs.
    Deshalb ist auch Kritik moeglich: Es gibt immer noch den Konsens der anderen, gegen den man den eigenen stellen kann.

    Warum gibt es dann trotzdem Streit? Warum gibt es das Unbehagen, sich zu einer Zeitung, zu einem Radiosender zu bekennen? - Die Entscheidung fuer etwas wird hier oft als Entscheidung gegen etwas, im Sinne des kleineren Uebels, verkauft. Teile werden ausgeklammert,gern wird auch auf frueher verwiesen.

    Die Entscheidung, eher eine Zeitung als die andere zu lesen, ist ein kleiner Akt der Freiheit. Die beschreibende Zuordnung - “Du bist ja ein ....-Leser” - wird als Gewaltakt empfunden.
    Das ist auch das Wesen des Konsens, selbst in seiner naeheren Umgebung.
    Zustimmen zu muessen, akzeptieren zu muessen ist, rein subjektiv betrachtet, das gleiche passive Erleiden – egal ob es eine Zustimmung zur Mehrheit oder Zustimmung im Sinn des Weichens vor Gewalt bedeutet. Die moralische Komponente kann das Leiden rechtfertigen; das aendert aber nichts am Angriff auf die Souveraenitaet.

    Was hat das mit Medien, Kommunikation und Verstaendigung zu tun?
    Einerseits ist es eine Grundvoraussetzung, zu verstehen, dass Verstaendnis nicht Einverstaendnis bedeutet. Dazwischen hat vieles Platz.
    Andererseits tritt mit dem Bewusstsein der Rueckseite des Konsens, mit der Wahrnehmung des Dissens immer haeufiger die Frage auf, wie dann ueberhaupt noch Zusammenarbeit, Kommunikation, Koordination moeglich sind.
    Zuletzt deuten neue Onlinemedien hier vielleicht eine Antwort an: Die Betonung auf Dissens bedeutet nicht das Fehlen von Konsens – im Gegenteil: Eigentlich ist sie dessen Vervielfachung, dessen Verlagerung in zahlreiche weitere Bereiche und Gruppierungen.
    Neu an den neuen Medien ist dabei nicht, dass sie die Vielfalt und Verbreitung erleichtern, sondern dass sie die Vernetzung ermoeglichen: Ich muss mich nicht mehr entscheiden, wo ich hin will, was in meine Welt passt, sondern es wird mir vorgeschlagen. Das schafft eine Reihe nutzloser Verbindungen, aber auch einige wenige wertvolle und dauerhafte.

    Ich sehe Social Media als eine Auspraegung von Dissensethik, als einen Ansatzpunkt, den wir uns vor Augen halten koennen, wenn wir zu verstehen versuchen.
    Zumindest ist es einen Versuch wert.

Footer:

Die auf diesen Webseiten sichtbaren Daten und Inhalte stammen von Privatpersonen, blog.de ist für die Inhalte dieser Webseiten nicht verantwortlich.